Freitag, 12. Februar 2016

"Angst macht Schule": Leserbrief des Rechtsanwalts Jost von Wistinghausen

Sehr geehrte Damen und Herren,
der Artikel in der letzten Ausgabe der WAMS vom 31.01.2016 auf Seite 17 muss bei mir eine Reaktion hervorrufen, welche Sie hoffentlich in ungekürzter Fassung abdrucken können:

Angst macht Schule? Schule macht Angst!

Unter der Überschrift „Angst macht Schule“ wird das Phänomen der Schulvermeidung thematisiert, doch die Autorin kommt – durch die Befragung nur eines „Experten“ – zu einer fatalen falschen Schlussfolgerung. Schon die Überschrift hätte lauten müssen „Schule macht Angst“.

Die Schüler versagen? Die Schule versagt!

Es werden immer mehr Schüler, die die Schule vermeiden wollen. Auf der anderen Seite werden es aber auch immer mehr Schüler, die der Schulanwesenheitspflicht nachgekommen sind und entweder keinen Abschluss erlangt oder dennoch nicht ausreichend Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt haben – es ist unstrittig, dass mindestens 14,5% funktionale Analphabeten (das sind 7,5 Millionen Menschen!) unter den deutschen Erwachsenen zu finden sind. So steigt die Schulvermeidung vielleicht auch deswegen, weil die Schule offensichtlich immer schlechter ihren Bildungsauftrag (und auch ihren Anspruch ein menschenwürdiger Lebens- und Lernort zu sein) erfüllt.

Fachkräfte fehlen? Fachkräfte werden nicht ausgebildet!

Die Menschen, die es auch unter dem Druck der Schulanwesenheitspflicht nur geschafft haben, die Schule zu „überstehen“ und dabei ungebildet zu bleiben, sind anschließend – trotz staatlich attestierter Eignung – in vielen Ausbildungsberufen nicht mehr zu tragen oder besser gesagt zu ertragen. Dass selbst Gymnasiasten nicht mehr die einfachsten Grundrechenarten oder Rechtschreibregeln beherrschen und daher häufig nicht tauglich sind, auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen, zeigt, dass das Problem wohl eher im System Schule liegt als im Menschen, der die Schule verweigert.

Der Schulvermeider ist krank? Das System Schule krankt!

Der Schulvermeider wird in Ihrem Artikel als psychisch krank bezeichnet. Junge Menschen, die es schaffen gegen ein fest-zementiertes staatliches System ganz deutlich eine abweichende (nicht tolerierte) Haltung zu artikulieren und zu zeigen, dass die Schule kein Ort für sie ist, in dem sie sich wohl fühlen oder nach besten Möglichkeiten lernen können, werden gebrandmarkt als „krank“, psychisch problembehaftet, überfordert. Beispiele von vielen erwachsenen Schulverweigerern und erste Studien über unverschulte Menschen aus den USA weisen aber in den meisten Fällen auf sehr kreative, wissbegierige, weltoffene, tolerante Menschen, denen es in unserem starren deutschen Schul-System an grundlegenden (auch wissenschaftlich geforderten) Bedingungen fehlen würde.

Schulvermeider? Bildungs-Einforderer!

Diese in Ihrem Artikel als psychisch krank gebrandmarkten Schulvermeider sollten also viel eher als weiterdenkende Menschen gesehen werden, die viel Potential für eine Gesellschaft und ihr eigenes Fortkommen mitbringen. Diesem sollten wir entweder durch Schulen, die endlich ihr starres System überdenken und zu lebenswerten Lernorten werden, gerecht werden; oder dadurch, dass der Staat endlich versteht, dass durch Zwang niemand zu einem mündigen Bürger gemacht werden kann und der deshalb endlich für reichhaltige, vielfältige Bildungsangebote jenseits eines Schulzwangs sorgt.

Das Kind muss beschult werden? Das Kind muss sich bilden dürfen!

Experte Kollmann fordert allen Ernstes: „Oberstes Ziel ist, dass die Schüler wieder so schnell wie möglich in die Schule gehen“. Für mich – aufgrund einer menschengemäßen Betrachtungsweise – ist das unmenschlich. Der Mensch wird als krank und sein Umgang mit seinen eigenen Bedürfnissen als falsch, sogar als ein Fall für den Psychiater abgestempelt, anstatt auf die menschlich nachvollziehbaren Gründe und die Bedürfnisse der jungen Menschen richtig einzugehen und angemessen zu reagieren. Das Problem wird – wie meist in der technokratisch orientierten weißen Medizin – nicht wirklich erkannt. Es wird das Symptom (Schulvermeidung) behandelt und nicht die Ursache (Schule schafft ihre eigenen Aufträge nicht mehr). Nur das Symptom muss weg - die Ursache dahinter muss unangetastet bleiben. Trotz der Erkenntnis, dass 40% der von Kollmann „behandelten“ Fälle von Schulvermeidung wieder bei ihm vorstellig werden, sieht sich der befragte „Experte“ auf dem richtigen Weg mit seiner Aussage und Behandlungsmethode.

Staatlicher Schulanwesenheitszwang mit Gewalt? Bildungsfreiheit mit sozialer Verantwortung!

Bevor Lernen stattfinden kann, braucht es eine stabile Beziehungsebene. Lernen wird in unserer Gesellschaft als die reine Anhäufung von Wissen und deren Abrufbarkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt angesehen. Menschliche Bildung (Werte, Verantwortung, Moral) ist maximal zweitrangig. Überlegenswert ist, warum wir immer mehr gewaltbereite, verrohte Kinder und Jugendliche beklagen – die Folgen sind längst auch in den Schulen zu beobachten. Anstatt auf der Beziehungsebene den eigentlichen Motiven der Schulverweigerer nachzuspüren und die Ursachen zu ändern, untermauert der Staat auch hier seine Schwerpunktsetzung, indem er durch die Ausübung von staatlicher Gewalt Schulverweigerer in die Schule zurückzwingt. Diese Gewalt ist gesetzlich „erlaubt“. Man schaue sich nur die Verwaltungsvollstreckungsvorschriften zur Ausführung und Durchsetzung der Schulanwesenheitspflicht der einzelnen Schulgesetze in den Ländern an. Dort wird gesetzlich erlaubt, dass der Schulvermeider morgens von der Ordnungsbehörde zu Hause abgeholt wird. Die Ordnungsbehörde kann sich dabei zur Durchsetzung der Maßnahme des unmittelbaren körperlichen Zwangs der ortsansässigen Polizeibehörde bedienen.
Wird der junge Mensch dann ggf. mit körperlichem Zwang zur Schule gebracht, dann ist und bleibt das Gewalt. Die staatliche Erlaubnis ändert an der Empfindung des Betroffenen nichts.
Dass er demgegenüber einen gesetzlich normierten Anspruch auf „gewaltfreie“ Erziehung hat, hilft dem Jungen Menschen wenig. Denn diese Norm steht „aus Versehen“ „nur“ im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) und hilft ihm daher nur mittelbar bei der Abwehr staatlicher Gewalt. Im wohlgemeinten Sinne des Kindeswohles wird der junge Mensch in eine Institution gezwängt, die ihm nicht gut tut. Einfach gefragt: Was ist dann in solchen Fällen die Kindeswohlgefährdung? Schulabstinenz oder Schulbesuch? Das Motto scheint erneut zu sein: Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein.

Der Schulverweigerer ist krank? Die Sicht auf den Menschen ist krank!

Wie krank ist die Sicht auf unsere Kinder? Wer legt fest, wie ein Kind zu funktionieren hat? Wenn ein Kind nicht so funktioniert, wie es staatlich vorgegebene Normen fordern, wird es behandelt, notfalls wird eine Krankheit geboren, die der Abweichung (der Individualität) einen Namen gibt: „Schulvermeidung“ gilt tatsächlich schon als Fachbegriff für eine psychische Symptomatik! Durch diesen Begriff wird stigmatisiert, es werden mehr Probleme für alle Beteiligten geschaffen und der pharmazeutischen Industrie wird die Möglichkeit gegeben, die psychische Erkrankung mit Tabletten zu „behandeln“ (als Stichworte sollen hier dem gebildeten Leser nur ADHS und Ritalin genügen).

Schulverweigerer zeigen krankhaftes Verhalten? Sie zeigen Missstände unserer Schulen auf!

Schule kann also Angst machen. Schule kann ein Ort sein, der krank macht, weil die menschliche, individuelle, emotionale Komponente nicht gesehen wird und frei sich bilden nicht möglich ist. Der natürliche Lerntrieb der jungen Menschen wird mehr behindert als gefördert. Schule ist ein Ort, in welchem den jungen Menschen statt wirklichem Entdecken und Erfahren und Sich-Auseinandersetzen und Begreifen sogenanntes Bulimie-Lernen antrainiert wird (Bulimie-Lernen = Stoff für die Klausur lernen, danach aufs Papier brechen und möglichst schnell alles wieder vergessen). Schule kann als ein Ort wahrgenommen werden, an dem staatlich legitimiert Kindeswohlgefährdung organisiert wird. Dass Schule Angst machen kann, dass Schule krank machen kann, wird und darf wohl nicht gesehen werden. Frei nach dem – oben bereits genannten – Motto: Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein.

Wer heilt hat Recht!

Versuchen wir uns an die ärztliche Kunst zu halten. Dies bedeutet, dem Problem-Erkennen folgt die Benennung der Symptome, daraus ergibt sich die Diagnose und hieraus eine Behandlung und im besten Fall die Heilung.
Der „Experte“ Knollmann geht wie folgt vor:
Problem erkennen: Schulschwänzer
Symptome: Schulverweigerung
Diagnose: Schulvermeider
Behandlung: Zwang zum Besuch der Schule (des Problems)
Heilung / Ziel: Schüler geht zur Schule, Aufrechterhalten des Systems, der Wille des jungen Menschen und sein Wohlbefinden bleiben unberücksichtigt.

Was ist von folgendem grundlegend anderen Ansatz zu halten?
Problem erkennen: Schulschwänzer
Symptome: eindeutige klare Artikulation des Willens nicht zur Schule zu müssen (die Artikulation des Willens findet auch durch die Entwicklung pathologischer Symptome (Bauchschmerzen, Übelkeit) statt und muss von den Eltern / Lehrern nur richtig gedeutet werden)
Diagnose: Schule macht krank
Behandlung: frei sich bilden im, am und für das Leben außerhalb der Schule
Heilung/ Ziel: mündiger, selbstbewusster, gebildeter, eigenverantwortlicher, sozial integrierter Mensch
Heilung wird in diesem Fall möglich, da der Wille und das Wohlbefinden des jungen Menschen in den Mittelpunkt und damit an die richtige Stelle gerückt wird.
Das System des bestehenden Schulanwesenheitszwangs erlaubt keine Abweichung zum positiven und erlaubt daher auch keine Einzelfallgerechtigkeit.
Die eigentliche Aufgabe der Eltern, nämlich ihren Kindern zur Seite zu stehen und sie bei einer freien und weitreichenden Bildung zu unterstützen, wird staatlicherseits torpediert, erschwert, wenn nicht gar gänzlich vereitelt und dies sogar staatlich organisiert und legitimiert notfalls mit Gewalt.
Die Einzelfallgerechtigkeit wird nicht nur für die ohnehin gebildeten und damit privilegierten Menschen, die die Entscheidung für eine freie Bildung aus sehr gereifter Sichtweise treffen, verhindert, sondern auch für alle diejenigen jungen Menschen, die aus bildungsfernen Haushalten kommen. Kürzlich legte eine Studie aus München offen: „Wer arm ist, bleibt dumm!“ Der staatlich organisierte Schulanwesenheitszwang schafft es gerade nicht, sein eigenes Ziel zu verwirklichen: Gleiche Bildung für alle und damit Chancengleichheit für alle.
Ihre Überschrift „Angst macht Schule“ scheint somit am Ende doch goldrichtig gewesen zu sein, einzig der Artikel dazu ist unpassend. Wenn wir die Ausführungen meines Schreibens endlich ehrlich annehmen, wird uns die Durchführung, das Ergebnis und die starre Einhaltung von Schule mehr als jetzt schon zu beobachten auch in Zukunft Angst bereiten.
Ein Artikel mit dem Thema „Schule macht Angst“ würde nicht nur die Gegenseite beleuchten, sondern endlich auch zu einem breiten Diskurs über unser Schulsystem und seine Folgen anregen. Gerne bin ich jederzeit bereitet, diesen mit Ihnen zu veröffentlichen.
Falls Sie noch Fragen haben stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit den besten Wünschen
_________________
Jost v. Wistinghausen
Rechtsanwalt

1 Kommentar:

  1. Im Titel des Originalartikels ist vermutlich nur ein orthographischer Fehler. Ganz wie das Motto der Bundeswehr: Wir. Dienen. Deutschland. sollte es wohl heißen: Angst. Macht. Schule. Womit ich dem Autoren, jedoch der Redaktion weißes Kalkül unterstellen mag. A.P.

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